Mittwoch, 4. September 2019

Bildung ist den Paraguayern wichtig, wenn sie aus der Mittel- oder Obersicht kommen. Und eigentlich gibt es in Paraguay nur eine traditionsreiche und große Universität, die Universidad Nacional de Asunción. Sie wurde bereits 1889 gegründet und hat 14 Zweigstellen im ganzen Land mit über 40.000 Studierenden.

Staatlich oder privat?

Im Jahr 1960 kam dennoch zur offiziellen staatlichen Universtität per Sondergenehmigung eine zweite katholische Hochschule dazu, die Universidad Católica Nuestra Señora de la Asunción. Erst in den 1990er Jahren ermöglichte es ein neues Hochschulgesetz, weitere staatliche und auch private Hochschulen zu errichten. Inzwischen gibt es sieben staatliche und ca. 30 private Hochschulen, es handelt sich aber meist um eher kleinere Einrichtungen.

Viele Eigentümer

Im Rahmen meines Aufenthalts in Asuncion waren unsere Gastgeber so freundlich, mir einen Kontakt zur Universidad Evangélica del Paraguay zu vermitteln, die ich dann schließlich besuchte.

Universidad Evangélica, Eingang auf dem Campus Johannes Gutenberg.

Vormittags wurde ich von Dekan Theo Unruh abgeholt und wir fuhren zum Campus Johannes Gutenberg, der auf einem Grundstück mit einem Gemeindezentrum sowie der großen Privatschule liegt, über die ich bereits im letzten Beitrag berichtet habe.

Dekane beim Gespräch: Campusleiter Theo Unruh (rechts) und ich

Ruhiger Campus

Zunächst war ich erstaunt, dass um 10 Uhr morgens niemand auf dem Campus war; fast alle Türen waren noch verschlossen zu einer Zeit, wo anderswo schon einiges läuft.

Freundliche Empfangsdame im Hauptgebäude. Sie war um 10 Uhr außer uns die einzige Person auf dem Campus.

Theo klärte mich auf, dass der reguläre Unterricht erst um 18 Uhr beginnt. An einer Privathochschule für die Mittelschicht müssen die Studierenden tagsüber arbeiten, um das Studium und ihr Leben zu finanzieren. Die Studiengebühren betragen ca. 800 Euro pro Jahr, was uns zwar günstig erscheint, aber für hiesige Einkommen doch eine ganze Menge ist.

Das Audimax mit ca. 150 Sitzplätzen. Es wird nur für Versammlungen genutzt, die Seminare und Vorlesungen sind sonst deutlich kleiner. Man beachte die leicht zu stapelnde Bestuhlung.

Leistung oder Geld?

Da die staatliche Hochschule keine Studiengebühren erhebt, entsteht eine paradoxe Situation: Nur wer hervorragende Noten hat – manchmal helfen auch entsprechend gute Beziehungen -, kommt in den Genuss eines kostenlosen Studienplatzes. Häufig sind das Kinder, die aus eher gut situierten Familien kommen. Wer die Hürde an die staatliche Hochschule nicht schafft, kann sich an einer privaten Hochschule einschreiben. Es gibt solche – meist internationale – mit einem sehr guten Ruf und sehr hohen Studiengebühren. Die Universidad Evangélica nimmt als christliche Hochschule ihre soziale Verantwortung wahr und hält die Gebühren deutlich niedriger bzw. bietet Stipendienprograme an.

Die (christlichen) Werte auf denen die Universität aufbaut.

Acht Eigentümer

Ebenfalls ungewöhnlich ist Trägerschaft dieser Universität: Sie wird von acht evangelikalen Denominationen finanziert, darunter Mennoniten, Methodisten, Brüdergemeinden und auch Baptisten. Dadurch entstand ein Verbund von Zweighochschulen an insgesamt 12 Standorten; es gibt keinen zentralen Campus. Auch die Leitung der Hochschule ist derzeit eher provisorisch in einem gemieteten Gebäude untergebracht. Es gibt aber Pläne, für die Hochschulleitung und -verwaltung sowie einige andere Einrichtungen ein neues Gebäude an einem zentralen Ort in Asuncion zu errichten sobald die Finanzen dafür zur Verfügung stehen. Momentan wird versucht, genügend Spenden für dieses Projekt einzuwerben.

Das Hauptgebäude auf dem Campus. Inklusion ist hier gesetzliche Pflicht, daher gibt es zusätzlich zu den Treppen überall Rampen.

Ich habe mir sagen lassen, dass der Verbund der einzelnen Zweige dieser Hochschule nicht so stark ausgeprägt ist, wie man sich das vorstellen könnte; die einzelnen Träger („Eigentümer“) geben ihren Standorten auch eine relativ starke Prägung mit. Dennoch ist bemerkenswert, dass ein solch großes gemeinsames Projekt überhaupt möglich wurde.

Einblick in die nicht so üppig ausgestatten Unibibliothek.
In der Bibliothek besteht auch die Möglichkeit, am Computer zu arbeiten.

Zu Gast in der Chefetage

Am Nachmittag war ich dann nochmal eingeladen, diesmal in die Leitungsrunde der Universität. Einmal im Monat kommen die Leiter resp. Dekane aus den verschiedenen Standorten beim Rektor und beim Generalsekretär – so heißt hier der Kanzler und Verwaltungsleiter – zusammen. Heute standen wichtige Beschlüsse über neue Studiengänge auf der Tagesordnung. Dennoch räumte man mir eine halbe Stunde ein, um über unsere Hochschule und vor allem die Medienstudiengänge zu berichten.

Auf besonderes Interesse stieß der Studiengang Ressortjournalismus, den sich die Kollegen aus Paraguay so ähnlich auch an ihrer Hochschule wünschen würden. Ebenfalls interessant erschien ihnen unser neuer Masterstudiengang „Multimediales Didaktisches Design“. Dieser würde sich als Anschlussprogramm für Absolventen der Universidad eignen, wenn diese über gute didaktische Vorkenntnisse z.B. aus dem Lehrer- oder Theologiestudium verfügen und zusätzlich Deutschkenntnisse mitbringen.

Eine solche Fotowand würde sich in Ansbach auf dem Campus auch gut machen.

Fazit

Hochschule funktioniert in Paraguay deutlich anders als bei uns; in Vollzeit neben dem Studium arbeiten zu müssen, können sich vermutlich nur wenige deutsche Studierende vorstellen. Sehr angenehm habe ich aber empfunden, wie freundlich und selbstverständlich ich als (nicht offizieller!) Gast begrüßt und aufgenommen wurde. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr viel Freude machen würde, mit den Kollegen aus Asuncion zusammen zu arbeiten. Wir werden sehen, ob sich etwas aus dem Austausch ergibt.

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